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Vom Ich zum Wir

Veröffentlicht am 31.10.2018 in der Online-Ausgabe der SEIN Brandenburg
„Beziehungen verändern uns, machen uns sichtbar, lassen mehr aus uns herauskommen. Nur wenn wir uns mit anderen verbinden, werden unsere Gaben sichtbar – auch für uns selbst.“
(Meg Wheatley)

Wenn Menschen sich zusammentun, entsteht ein neues Potenzial von Möglichkeiten.
Eine Gemeinschaft wie ein Netzwerk hat vielleicht das Potenzial, Co-Kreativität, Verbundenheit und Zugehörigkeit zu erzeugen und das Potenzial, große Projekte zu verwirklichen. „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Einzelteile.“ „Was eine/r nicht schafft, schaffen viele.“ Wir kennen all die guten Ideen und wünschen uns auch mehr Leben in Gemeinschaft. In Gesprächen höre ich das oft.

Zwischen Idee und Wirklichkeit liegt jedoch ein mitunter steiniger Weg. Und nicht immer wird das Potenzial verwirklicht. Manchmal verwirklicht sich eine eher dunkle Seite, nennen wir es das Schattenpotenzial. Das Schattenpotenzial einer Gemeinschaft sind z.B. Ausgrenzung, Ego-Spiele und Rechthabereien.

Wir sehen Beziehungen, Kooperationen oder Gemeinschaften, die voller Enthusiasmus und guter Ideen gestartet sind und dann genauso kraftvoll an die Wand fahren. Auf einmal liegt der Fokus auf dem, was uns trennt und das, was uns verbindet, gerät aus dem Blickfeld. Vorwürfe, destruktive Angriffe oder Übersprungshandlungen scheinen eine weitere gemeinsame Entwicklung unmöglich zu machen. Sofern die Krise nicht genutzt werden kann, um auf ein bewussteres  Niveau zu kommen.
Das sehen wir auf persönlicher Ebene, wie auf unternehmerischer und gesellschaftlicher Ebene.

Mit diesem Artikel will ich Anregungen geben für ein gemeinsames Erforschen, was der Gemeinschaftsbildung zuträglich ist, welche Bedingungen Potenzialentfaltung braucht und wie wir das Schattenpotential auflösen oder zumindest minimieren können.
In einer Welt, die an Rechthabereien, Ego-Spielen und Ausgrenzung krankt, erscheint es sinnvoll, da immer wieder genauer hinzuschauen.
Letztlich geht es hier um die Frage, wie wir  jetzt und in Zukunft zusammen leben und arbeiten wollen. Darin enthalten ist auch eine evolutionäre Frage: Was ist die nächste Evolutionsstufe unseres Bewusstseins, vor der wir als Menschen stehen?

Als „externe Berater“ lassen wir einige Experten zu Wort kommen:
Otto Scharmer Forscher am MIT in Cambridge, der die Entwicklung „from me to we, from ego-system to eco-system” untersucht,
Thomas Steininger, Philosoph und „Kulturaktivist“ für ein „Higher We“, einer Kultur der Nicht-Getrenntheit.
Wir lesen außerdem bei Frederic Laloux, in seinem Buch „Reinventing Organizations“, einem Leitfaden für den Weg zu einer ganzheitlich orientierten, sinnstiftenden Zusammenarbeit und schließlich schauen wir beim fast schon unvermeidlichen Neurobiologen Gerald Hüther nach, der mit seinen Beiträgen zu „Potenzialentfaltungsgemeinschaften“ gerade auf Vortragstour ist.
Auch aus meiner praktischen Arbeit als Prozessbegleiter für berufliche Selbstverwirklichung fließen Erkenntnisse ein, z.B. welche direkte Verbindung ich zwischen Persönlichkeitsentwicklung und Gemeinschaftsentwicklung sehe.

Was sind also die Bausteine, die Gemeinschaftsbildung und Potenzialenfaltung fördern und welche Faktoren lassen auch gute Ideen früher oder später versanden?

Ich sehe vier wesentliche Bausteine:

1. Die gemeinsame Intention

Unter Intention verstehe ich die geistige Ausgerichtetheit und gefühlte Verbindung mit einem Ziel oder einer Vision. Beim morgendlichen Zähneputzen oder Kaffeekochen ist das relativ einfach – nach spätestens 5 Minuten ist der Kaffee fertig. Die Absicht einer Freundesgruppe könnte es sein, gemeinsam ein Wanderwochenende im Harz zu erleben. Auch das ist noch überschaubar und leicht umsetzbar. Bei größeren Themen wie Potenzialentfaltung oder Selbstverwirklichung wird es komplexer und es braucht einen längeren Atem.

„Wer kein Ziel hat, kann auch keines erreichen.“ Laotse

Gut, wenn es sich um ein sinnerfülltes erstrebenswertes Ziel handelt, auf das wir uns immer wieder besinnen und ausrichten können. Ein Ziel, das kein Egotrip ist (“ich bin besser”, “ich will gewinnen”) sondern auf ein höheren Sinn ausgerichtet ist, etwas, das über das Ego hinausgeht, größer ist als du selbst, andere Menschen miteinschließt. Wie z.B. Verbundenheit oder eine Kultur der Potenzialentfaltung zu erschaffen.
Den eigenen Fokus auf das höhere Ziel immer wieder herzustellen, das ist sowohl für uns als Individuen entscheidend (zum Beispiel beim Thema Beruf und Berufung) als auch für unsere Gemeinschaften. Es liefert auch eine nachhaltigere Motivation und mehr Energie als “kleine” Egoziele.

Wie schaffen wir es als Gemeinschaft, uns auf ein gemeinsames Ziel auszurichten?

Dafür ist es notwendig, zuerst mal wahrzunehmen, was sich entfalten möchte, dem Potenzial der Gemeinschaft Gehör zu verschaffen. Den Raum zu öffnen für das “was geboren werden will” (Otto Scharmer, Geschichten aus dem Land der Regenbogenkrieger)
Welchem Sinn möchte diese Gemeinschaft dienen? Welche Form möchte diese Gemeinschaft annehmen? In welcher Geschwindigkeit möchte diese Gemeinschaft wachsen? Welche Präsenz und welches Bewusstsein sollten die Gründer und Mitglieder einbringen? (vgl. Laloux, S. 259)Die erste und wichtigste Frage scheint mir: Ist der Sinn, der sich zeigt, für alle Mitglieder nachvollziehbar, kann sich jede/r mit diesem Sinn verbunden fühlen?
Erst wenn das bejaht werden kann, lässt sich eine nachhaltige gemeinsame Ausrichtung schaffen. Die gemeinsame Intention, das Fundament für gute Resultate.

2. Wer bin ich?  Wer sind wir? Die “DNA”

Die “DNA” einer Gruppe ist das, was geboren werden will. Gehen wir davon aus, dass das Potenzial eines natürlichen Wesens bereits in ihm angelegt ist. Sowohl in der Pflanze, in uns Menschen als auch in unseren Beziehungen, Gemeinschaften und Organisationen. Wir sprechen von dem “Wesen”, von der „Corporate-DNA“ oder der “Seele”.

Natürliches Potenzial bedeutet, wer „ich“ sein kann, wer „wir“ sein können, wenn wir unsere Begrenzungen, Konditionierungen und Schatten aufgelöst oder integriert haben.
So wie das natürliche Wachstum einer Pflanze durch gute Bedingungen (Licht, Boden, Wasser) gefördert wird, so entfalten sich auch Talente und Begabungen eines Menschen oder einer Gemeinschaft. Im Samenkorn des Baumes ist die ausgewachsene Form enthalten. In einer Gemeinschaft ist auch die ausgewachsene Form enthalten:
Otto Scharmer nennt das The Emerging Future (die entstehende Zukunft) und schlägt vor, die Gegenwart von dieser Zukunft her wahrzunehmen und zu gestalten – anstatt aus den Erfahrungen und Konventionen der Vergangenheit.
Sabine Lichtenfels (ZEGG Gründerin) erlaubt sich “die Vorstellung, dass in mir ein solcher Same auch angelegt ist. Und dass in einer Gruppe ein Wissen angelegt ist, wie diese Gruppe wachsen würde, wenn sie mit den natürlichen Wachstumskräften ganz verbunden ist.

3. Subjektive Verbundenheit – die Chemie muss stimmen

Das mit der Verbundenheit ist so eine Sache. Man kann nicht mit jedem und mitunter entsteht eine Atmosphäre, in der – zumindest unterschwellig – mehr bewertet und verurteilt wird und weniger gemeinsam geforscht und gefördert wird. Es herrschen (unbewusste) Werte und Standards, die scheinbar unlösbare Konflikte erzeugen. Dir ist Humor und Leichtigkeit wichtig, mir Wahrheit und Gerechtigkeit. Unsere DNA passt nicht zusammen, wir leben in verschiedenen Welten. Die Chemie stimmt nicht. Wir sind getrennt. Und manchmal ist es besser, wir trennen uns wirklich, wenn zu wenig Gemeinsamkeit besteht und wir es nicht schaffen, die Gegensätze zu überbrücken und uns auf etwas Verbindendes zu einigen.
Ein gewisses Maß an persönlicher Wertschätzung und Verbundenheit ist Voraussetzung für eine Kultur der Potenzialentfaltung.

In den traditionellen Organisationen kann man leicht erkennen, warum Potenzialentfaltung kaum möglich ist. Ob es das Schulsystem ist, Verwaltungen, Unternehmen und Konzerne: in diesen Bereichen des Lebens treffen wir auf Bedingungen, in denen die Entfaltung von individuellem Potenzial kaum vorgesehen ist, wo es mehr darum geht, festgelegte Anforderungen zu erfüllen. Im Wettbewerb zu bestehen oder Vorschriften einzuhalten.Gerald Hüther sagt dazu:  „Potenzialentfaltung ist unmöglich, wo Menschen einander wie Objekte behandeln.“

Ich behandle andere als Objekt, wenn ich sie in erster Linie als Möglichkeit sehe, bestimmte  Bedürfnisse zu erfüllen, mir etwas zu geben, von dem ich glaube, dass ich es nicht habe.

Subjektive Verbundenheit entsteht auf der Basis von Wertschätzung für das Sein des anderen. Er/ sie muss keine Funktion für mich erfüllen, sondern darf so sein wie er/ sie ist, darf auch anders sein als ich. Das Gemeinsame entsteht aus freier Wahl und nicht aus ökonomischem Kalkül.
Subjektive Verbundenheit ist nach Gerald Hüther wesentliche Voraussetzung für eine Potentialentfaltungsgemeinschaft, dann „wenn die Mitglieder einer Gemeinschaft (Familie, Hausgemeinschaften, Vereine, Teams etc.) einander als Subjekte (d.h. respektvoll, wertschätzend, verständnisvoll, wohlwollend, unterstützend etc.) begegnen.“ (www.akademiefuerpotentialentfaltung.org)

4. Führung

Ohne Führung bleiben Konflikte ungelöst und Potenzial kann sich nicht voll entfalten.

Gute Führung ist verwandt mit Intention, sie dient dem Erreichen eines Ziels. Führung greift ein, wenn destruktive Haltungen sich zu entfalten drohen. In Gemeinschaften sind das folgende Grundhaltungen:

  • Konsumhaltung: was ich bekomme ist viel wichtiger, als was ich gebe
  • Ego: die Mitgliedschaft in dieser Gemeinschaft wertet mich auf, macht mich bedeutend
  • Rechthaben: ich und meine Gemeinschaft stehen über anderen Menschen und Gemeinschaften, wir haben das Bewusstsein und sind moralisch überlegen. Die anderen „da draußen“ sind unterentwickelt oder haben den falschen Ansatz.

Wie außen, so innen: Wenn wir den Gemeinschaftsgedanken auf die individuelle, persönliche Ebene übertragen, dann fragen wir  „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ – Wir haben es mit unterschiedlichen Persönlichkeitsanteilen zu tun haben, die in uns wirken. Manche nennen dies „Inneres Team“, „Archetypen der Seele“ oder heben einzelne Aspekte hervor wie „das Innere Kind“, der „Innere Krieger“ oder „Antreiber“.

Und genauso wie wir im Außen destruktive Haltungen sehen, so gibt es diese auch im Inneren.

Hier schaffen wir durch Selbstführung die Bedingungen – oder eben nicht – unter denen wir uns gut entfalten können, indem wir „ respektvoll, wertschätzend, verständnisvoll, wohlwollend, unterstützend…“ mit diesen inneren Anteilen umgehen. Und destruktive Anteile in die Schranken weisen.

So wie wir im Außen auf Bewertung und Verurteilung stoßen, so bilden wir das selbst  in unserem Inneren ab. Wir verurteilen uns selbst und werden verurteilt. Somit behindern wir selbst unsere eigene Potenzialentfaltung. Dies geschieht aus Unbewusstheit heraus, denn unser eigentliches Potenzial ist mitunter weit entfernt von unserem Alltagsbewusstein, in einer Art Dornröschenschlaf. Wir haben oft mehr gelernt zu funktionieren, unserem inneren Antreiber zu folgen, als wirklich tief zu blicken und die Schönheit unseres Wesens ans Tageslicht zu bringen.

Genau um diese Schönheit geht es, in uns selbst und in Gemeinschaften.

In uns übernimmt im besten Fall eine erwachsene, bewusste Instanz die Führung und reduziert Konflikte zwischen den Anteilen, achtet auf eine integrierte Entwicklung in der alle Aspekte sein dürfen und „mitgenommen“ werden.
In Gemeinschaften heißt Führung, einen Rahmen zu schaffen, der es erlaubt, dem was entstehen will, das was in der DNA angelegt ist, Raum zur Entfaltung zu geben. Laloux beschreibt es so: „Die Mitglieder der Organisation werden eingeladen, zuzuhören und zu verstehen, was die Organisation werden will und welchem Sinn sie dienen möchte.“

Ein neue Gemeinschaft in Potsdam

Im Februar 2018 haben sich auf Initiative von Lydia Poppe Heilkundige in Potsdam zusammengefunden und ein neues Netzwerk gegründet.
Absicht ist es, gemeinsam zu erarbeiten, was bewusstes und ganzheitliches Leben fördert und transparent zu machen, was bereits an Angeboten in Potsdam und Umgebung existiert. Als Bereicherung für das Leben der Menschen in Potsdam und als Möglichkeit der Potenzialentfaltung für die Mitglieder: Körper- und Psychotherapeuten, NaturheilkundlerInnen, Atem-, Tanz- und MusiktherapeutInnen und Coaches – alles Menschen, die anderen Menschen professionelle Unterstützung in ihren Heilungs- und Klärungsprozessen anbieten. Sie wollen im Miteinander Neues entstehen lassen und eine Plattform aufbauen, die sichtbarer macht, was zur Zeit noch wenig sichtbar ist.

Erste Schritte sind gegangen, Intention, Verbundenheit und Führung entwickeln sich gerade.
Wir dürfen gespannt sein, wie es gelingt, die “DNA”, die Schönheit seines Wesens, zur Entfaltung zu bringen.